Das ABCD dient als Anleitung, um die Grundprinzipien der Würde in der Patientenversorgung praktisch umzusetzen. Es wurde für Menschen entwickelt, die beruflich mit Patientinnen und Patienten zu tun haben und somit ihr Würdeempfinden stärken können.

Mithilfe des ABCD wird überprüft, wie sich Haltungen auf das Handeln auswirken und wie diese Haltungen und Verhaltensweisen bewusst geändert werden können. Es orientiert sich an dem bekannten ABC-Schema, das viele Fächer des Gesundheitswesens als Basis für die wichtigsten theoretischen Lerngrundlagen verwenden.

Jeder, der in der Notaufnahme arbeitet, kennt das ABC der Notfallmedizin (Atemwege – Airway, Beatmung – Breathing, Kreislauf – Circulation); genauso sollten alle im Gesundheitswesen Tätige auch mit dem ABCD der Würde vertraut sein:

Haltung (Attitude)

Verhalten (Behaviour)

Mitgefühl (Compassion)

Gespräch (Dialogue)

Attitude: Haltung

Wie wird unser Handeln durch unsere vorgefassten Meinungen beeinflusst?

Hier ist zunächst die Auseinandersetzung damit gefordert, wie man zu einer Patientin/einem Patienten eingestellt ist und welche Annahmen man über sie/ihn hat. Unsere Haltungen hängen davon ab, wie wir eine Situation aufgrund unserer Erfahrungen beurteilen und wie wir infolge dessen mit ihr umgehen.

Dabei ist unsere Wahrnehmung stets subjektiv und deckt sich nicht unbedingt mit der Realität der Patientin/des Patienten – und doch kann sie ausschlaggebend dafür sein, wie wir jemanden behandeln und medizinisch versorgen.

Beispiele:

      • Bei der Begegnung mit einem verwirrten Obdachlosen denken viele sofort an Drogen, bevor sie ein gravierendes Gesundheitsproblem in Betracht ziehen.
      • Im Umgang mit einer gebrechlichen älteren Person machen viele sich gar nicht bewusst, dass die Person geistig topfit sein könnte.
      • Manche gehen automatisch davon aus, dass sich jeder über dieselben Dinge ärgert oder freut, wie sie selbst.

Denkanstöße:

Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Vorurteilen ist eine höchst persönliche, doch notwendige Übung. Indem sie sich eine Reihe grundlegender Fragen stellen, können Gesundheitsversorgende selbst prüfen, wie ihr Umgang mit anderen durch bestimmte Haltungen und Annahmen geprägt wird.

Solche Fragen könnten sein:

      • Wie würde ich mich fühlen, wenn ich in der Situation dieses Menschen wäre?
      • Was veranlasst mich, diese Schlüsse zu ziehen?
      • Habe ich die Richtigkeit meiner Annahmen überprüft?
      • Ist mir bewusst, wie meine Haltung zu der Person diese konkret auch beeinflussen kann?
      • Könnte meine Haltung zu einer Person vielleicht auch mit meinen eigenen Erfahrungen und Ängsten zu tun haben?
      • Schadet oder nützt die Einstellung, die ich zu meinem Beruf habe, meiner Fähigkeit, einer Person fürsorglich, offen und respektvoll zu begegnen?

Behaviour: Verhalten

Freundlichkeit und Respekt müssen die Basis sein.

Nur wer seine Haltung kennt, kann auch sein Verhalten gegenüber anderen steuern.

Manchmal genügt eine einfache Geste, um jemandem das Gefühl zu geben, dass er als Mensch behandelt wird, der Aufmerksamkeit und Respekt verdient – und nicht als Körper, der hin und her geschoben oder als zu bearbeitenden Fall gesehen wird. Bereits kleine Zeichen der Freundlichkeit und des Respekts können Vertrauen und Verbindlichkeit erzeugen. Dies macht es Patientinnen und Patienten leichter, Ärztinnen/Ärzten und Pflegepersonen genau die Informationen zu liefern, die wichtig für ihre Versorgung sind.

Dabei darf man nie vergessen, dass eine medizinische Umgebung für Gesundheitsexpertinnen und -Experten Routinesache ist – nicht aber für Patientinnen und Patienten. Selbst unter besten Bedingungen werden Krankenhausabläufe, Untersuchungen und intime Pflegevorgänge von vielen als fremd und belastend empfunden.

Professionalität, Freundlichkeit und Verbindlichkeit sind besonders im Kontakt mit Patientinnen und Patienten wichtig, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung befinden. In diesem kritischen Moment können die Menschen, die mit der Patientin/dem Patienten interagieren, mit ihrem Verhalten dazu beitragen, dass die körperlichen Belastungen der sich verschlechternden Erkrankung gelindert und das Selbstwertgefühl und die Selbstkontinuität aufrechterhalten werden.

Der richtige Ton:

      • Sprechen Sie mit den Patientinnen und Patienten in einem Ton, den Sie auch bei jeder wichtigen klinischen Interaktion wählen würden.
      • Vermitteln Sie mit ihren Taten und Worten stets Freundlichkeit und Respekt.
      • Denken Sie daran, dass ein kontinuierlicher Kontakt wesentlich für die Versorgung jedes Patienten ist – unabhängig von der Aussicht auf Heilung.

Kleine Gesten der Aufmerksamkeit mit großer Wirkung:

      • Jemandem ein Glas Wasser holen
      • Beim Anziehen der Hausschuhe helfen
      • Der Patientin/dem Patienten seine Brille oder sein Hörgerät holen
      • Das Kissen aufschütteln oder die Bettdecke zurecht ziehen
      • Ein Foto, eine Grußkarte oder einen Blumenstrauß anerkennend kommentieren

Besser kommunizieren:

      • Geben Sie der Person das Gefühl, dass Sie ganz bei ihr sind.
      • Bitten Sie die Patientin/den Patienten, eine Person aus ihrem/seinem sozialen Netzwerk dazu zu holen, insbesondere bei der Besprechung komplexer oder schwieriger Sachverhalte.
      • Sprechen Sie persönliche Dinge stets auf eine Art und Weise an, die dem Wunsch nach Privatsphäre gerecht wird.
      • Sorgen Sie möglichst dafür, dass Sie in einem angenehmen Abstand auf Augenhöhe mit der Patientin/dem Patienten sitzen.
      • Vergegenwärtigen Sie sich, dass die Auseinandersetzung mit der Erkrankung und dem sich verändernden Gesundheitszustand überwältigend sein kann. Erklären Sie den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen Dinge ruhig mehrmals.
      • Sprechen Sie dabei stets eine Sprache, die von Ihrem Gegenüber verstanden wird. Vermeiden Sie es, in einem für die Patientin/den Patienten unverständlichen Fachjargon über seine Krankheit zu sprechen, wenn dieser in Hörweite ist.
      • Haken Sie stets nach, ob die Patientin/der Patient noch weitere Fragen hat. Versichern Sie der Patientin/dem Patienten, dass es noch weitere Gelegenheiten geben wird, um aufkommende Fragen zu stellen.

Durchführung klinischer Untersuchungen:

      • Fragen Sie die Patientin/den Patienten stets um Erlaubnis, eine Untersuchung durchführen zu dürfen.
      • Fragen Sie die Patientin/den Patienten auch stets um Erlaubnis, wenn Sie Studierende oder Auszubildende zu einer Untersuchung hinzuziehen möchten.
      • Nehmen Sie sich die Zeit, die es braucht, um die Patientin/den Patienten zu beruhigen; zeigen Sie Verständnis für das, was jetzt auf sie/ihn zukommt. Dabei können u. a. die folgenden Sätze nützlich sein:
        • Ich weiß, dass sich das jetzt vielleicht etwas unangenehm anfühlt.
        • Es tut mir leid, dass wir das mit Ihnen machen müssen.
        • Ich weiß, dass das jetzt unangenehm ist.
        • Das dürfte jetzt nur einen ganz kleinen Moment weh tun.
        • Melden Sie sich, wenn wir aus irgendeinem Grund aufhören sollen.
        • Dieses Gespräch ist jetzt notwendig, weil…
      • Sagen Sie während der Untersuchung nur das Nötigste (Anweisungen, Zuspruch), bis die Patientin/der Patient wieder angekleidet oder zugedeckt ist.

Compassion: Mitgefühl

Patientinnen und Patienten zu versorgen heißt, sich um sie zu sorgen.

Mitgefühl ist nichts, was man weiß, sondern etwas, das man spürt. Es ist das tiefe Bewusstsein um das Leid anderer, verbunden mit dem Wunsch, es zu lindern.

Dieses grundlegende Interesse am Menschen ist eine Grundvoraussetzung für die Patientenversorgung.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Mitgefühl erworben werden kann. Manchen wird es in die Wiege gelegt, und sie entscheiden sich vielleicht genau deshalb für einen Gesundheitsberuf.

Andere erlernen Mitgefühl allmählich durch Lebenserfahrung, klinische Praxis und die Erkenntnis, dass das Leben eines jeden Menschen voller Unwägbarkeiten steckt. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man Mitgefühl bewusst erlernen kann. Jeder, der im Gesundheitssystem tätig ist, kann die wählen, die für ihn am besten geeignet ist.

Wenn die Fähigkeit zum Mitgefühl einmal ausgebildet ist, braucht es manchmal nur ein kleines Zeichen, wie z. B. ein einfühlender Blick oder eine beruhigende Berührung, um es zu zeigen.

Mitgefühl erlernen:

      • Setzen Sie sich in Form von Geschichten, Romanen, Filmen, Theaterstücken und Kunst im Allgemeinen mit den Kämpfen auseinander, die Patienten ausfechten müssen.
      • Orientieren Sie sich an mitfühlenden Vorbildern.
      • Versuchen Sie, sich in kranke oder leidende Menschen hineinzuversetzen.

Einfache Zeichen des Mitgefühls:

      • Ein verständnisvoller Blick
      • Eine sanfte Berührung an der Schulter, am Arm oder an der Hand
      • Verbale oder nicht verbale Mittel der Kommunikation, um den Menschen und die Herausforderungen durch die Krankheit zu würdigen

Dialogue: Gespräch

Kommunikation ist der erste Schritt zum Verständnis.

Grundsätzlich lebt eine gute Gesundheitsversorgung von einem kontinuierlichen Informationsaustausch. Für eine optimale Patientenversorgung müssen die Gesundheitsversorgenden so viel wie möglich über den ganzen Menschen – nicht nur über seine Erkrankung – in Erfahrung bringen. Im Gespräch mit Patientinnen und Patienten muss der Mensch unabhängig von seinem Leiden und dem damit verbundenen emotionalen Leid wahrgenommen werden.

Der Umgang mit einer Krankheit hängt oft von den besonderen Lebensumständen eines Menschen ab.

Beispiele:

      • Eine Person mit schwerer Arthritis, die zugleich leidenschaftlich gern Klavier spielt.
      • Eine Frau mit einem unheilbaren Tumor, die alleinerziehende Mutter noch kleiner Kinder ist.
      • Eine mobilitätseingeschränkte Person, die niemanden in der Umgebung kennt.

Durch einen vertrauensbildenden, ehrlichen Umgang kommen diese wichtigen Details eher zur Sprache. Mithilfe einiger einfacher Techniken können Gesundheitsexperten besser verstehen, was Patientinnen und Patienten wirklich hilft.

Worte des menschlichen Verständnisses:

      • Das muss jetzt beängstigend für Sie sein.
      • Ich kann mir vorstellen, was Sie gerade durchmachen.
      • Es ist normal, dass Sie sich jetzt überfordert fühlen.

Die Patientin/den Patienten besser kennenlernen:

Zur Einleitung eines Gesprächs können Gesundheitsversorgende die zentrale Patientenwürdefrage (Patient Dignity Question, PDQ) stellen:

Was sollte ich über Sie als Person wissen, um Sie bestmöglich versorgen zu können?

Durch diese Frage kann man Dinge erfahren, die für die weitere Begleitung wichtig sein können. Patientinnen und Patienten antworteten darauf z. B.:

  • In Situationen mit Autoritätspersonen fühle ich mich ganz klein.
  • Ich denke, andere könnten denken, ich bin nicht intelligent oder wichtig genug, um Antworten zu verdienen.
  • Ich möchte nicht alleine sterben.

Andere wichtige Fragen sind z. B.:

      • Was ist Ihnen zu diesem Zeitpunkt Ihres Lebens besonders wichtig oder was besorgt Sie am meisten?
      • Wer (oder was) ist sonst noch betroffen von dem, was gerade mit Ihrer Gesundheit geschieht?
      • Wer sollte da sein, um Sie mit zu unterstützen? (Freunde, Angehörige, Seelsorgende)
      • Wer sollte jetzt noch miteingebunden werden, um Sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen? (psychosoziale Dienste, Selbsthilfegruppen, Seelsorgende, sonstige Fachkräfte)