Die Würdezentrierte Therapie wurde in Kanada von Professor Dr. Harvey Max Chochinov entwickelt, um Menschen dabei zu helfen, sich mit ihrem nahenden Versterben auseinanderzusetzen.

Diese Kurzintervention kann dazu beitragen, das Würdegefühl der/des Sterbenden aufrechtzuerhalten und zu stärken, indem über die Gründe für psychosoziale und existentielle Belastungen gesprochen wird. Durch den Fokus auf die Ressourcen der Patientinnen und Patienten gibt die Würdezentrierte Therapie diesen die Möglichkeit, sinnhafte Aspekte ihres Lebens aufzuzeichnen und ihren Liebsten für die Zukunft zu hinterlassen.

In einem 30- bis 60-minütigen Gespräch stellt die Therapeutin/der Therapeut eine Reihe offener Fragen, die die Patientinnen und Patienten anregen sollen, über ihr Leben oder darüber zu sprechen, was ihnen besonders wichtig ist. Das Gespräch wird aufgenommen, transkribiert und zu einem vorläufigen Dokument aufbereitet, das die Patientin/der Patient nach ein paar Tagen zurückerhält, um es gemeinsam zu lesen, durchzusprechen und mögliche Korrekturen anzubringen, bevor dann die Endversion erstellt wird. Zu Beginn des Gesprächs wird festgelegt, für wen das Dokument erstellt wird. Viele teilen den Wunsch, Angehörigen und Freunden ihre Gedanken und Erinnerungen zu hinterlassen.

Vorteile der Würdezentrierten Therapie

Die Würdezentrierte Therapie stützt sich auch auf Elemente anderer unterstützender Techniken, wie des Lebensrückblicks, der Logotherapie und der Existenziellen Psychotherapie. Anders als der Lebensrückblick beinhaltet die Würdezentrierte Therapie kein biographisches Nacherzählen von Ereignissen, sondern ein Sich-Erinnern an Gedanken, Ideen und Ereignisse, die für die Patientin/den Patienten besonders bedeutungsvoll sind und an andere weitergegeben werden sollen. Den meisten Patientinnen und Patienten bietet dies die Gelegenheit, prägende Momente ihres Lebens mit anderen zu teilen.

Die Würdezentrierte Therapie zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie auf fundierten Erkenntnissen über einen von den Sterbenden selbst definierten Würdebegriff beruht. Sie geht auf das Bedürfnis sterbender Patientinnen und Patienten ein, zu spüren, dass das Leben einen Sinn hatte und etwas für ihre Liebsten zu tun, das sie überdauert. Sie hilft Patientinnen und Patienten auch dabei, sich wieder auf Taten und Erfahrungen zurück zu besinnen, die sie zu einzigartigen und wertgeschätzten Menschen gemacht haben.

Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Würdezentrierte Therapie gegenüber anderen unterstützenden Ansätzen zahlreiche Vorteile bietet:

  • Sie ist eine Kurzintervention.
  • Sie kann am Patientenbett erfolgen.
  • Sie kann einen positiven Einfluss sowohl auf die Patientinnen und die Patienten als auch auf ihre Angehörigen haben.
  • Sie legt weniger Wert auf Deutungen, Erkenntnisse oder das Sich-Durcharbeiten, sondern konzentriert sich auf den sinnsteigernden Prozess selbst.

Die Würdezentrierte Therapie geht dort auf emotionales Leid ein, wo es entsteht. Inhalt, Ablauf und Fragen orientieren sich alle an den Unterthemen des Würdemodells.

Der starke Wunsch des Sterbenden nach Generativität und Hinterlassenschaft bildet die Grundlage der Therapie. Durch die Therapie entsteht etwas, das die Patientin/den Patienten überdauert und ihren/seinen Einfluss über den Tod hinaus verlängert. Das Niederschreiben der Gedanken der Patientinnen/der Patienten ist so wirkungsvoll, weil das Bewusstsein entsteht, dass das Gesagte für die Zukunft erhalten bleibt.

Dabei reicht es aber nicht aus, nur das Dokument als Hinterlassenschaft zu erstellen. Es ist wichtig, dass die Behandelnden, die die würdezentrierte Therapie praktizieren, dem Gesagten einfühlsam, aufmerksam, interessiert und sensibel zuhören. Alles andere würde dem Bedürfnis der Patientinnen und Patienten nicht gerecht werden, uneingeschränkt positiv und mitfühlend behandelt zu werden.

Die Fragen, die während der Würdezentrierten Therapie gestellt werden, orientieren sich an den würdebewahrenden Perspektiven und den Sorgen hinsichtlich der Zeit nach dem Tod, die im Würdemodell beschrieben werden. Durch jeden Fragenkomplex sollen die Patientinnen und Patienten angeregt werden, über Dinge zu sprechen, die das Bewusstsein für ihr Menschsein und ihr Selbstwertgefühl stärken und als bedeutungsvoll und sinnstiftend empfunden werden können – um so ihre Not zu lindern und ihre Lebensqualität zu steigern.

Zufriedenheit mit der Würdezentrierten Therapie

Die erste klinische Studie, in der die Würdezentrierte Therapie angewendet wurde, bestätigte eindrucksvoll, dass die Methode für Patientinnen/Patienten und Angehörige ein Gewinn sein kann.

Patientenzufriedenheit mit der Würdezentrierten Therapie:

  • Zufrieden oder sehr zufrieden 91%
  • Hilfreich oder sehr hilfreich 86%
  • Steigerte das Würdegefühl 76%
  • Steigerte das Gefühl von Sinnhaftigkeit/Bestimmung 68%
  • Steigerte das Empfinden von Bedeutung 67%
  • Stärkte den Lebenswillen 47%
  • Half ihren Familien/würde ihnen helfen 81%

Familien erlebten die Therapie als Gewinn für Patienten:

  • Half der Patientin/dem Patienten 95%
  • Würde sie anderen Patientinnen/Patienten weiterempfehlen 95%
  • Gab der Patientin/dem Patienten ein stärkeres Würdegefühl 78%
  • Stärkte das Gefühl von Sinnhaftigkeit bei der Patientin/dem Patienten 72%
  • Half der Patientin/dem Patienten, sich auf den Tod vorzubereiten 65%
  • War in der Versorgung der/des verstorbenen Angehörigen genauso wichtig wie alles andere, was für sie/ihn getan wurde 65%
  • Linderte das Leid der Patientin/des Patienten 43%

Gewinn für die Angehörigen:

  • Half den Hinterbliebenen während der Trauer 78%
  • Spendet der Familie weiterhin Trost 77%

Literatur:

McClement, S., Chochinov, H.M., Hack, T., Hassard, T., Kristjanson, L.J. und Harlos, M. (2007) Dignity therapy: family member perspectives. Journal of Palliative Medicine, 10, 5, 1076-1082.

Fragenkatalog zur Würdezentrierten Therapie

      • Erzählen Sie mir ein wenig aus Ihrer Lebensgeschichte; insbesondere über die Zeiten, die Sie am besten in Erinnerung haben oder die für Sie am wichtigsten sind.
      • Wann haben Sie sich besonders lebendig gefühlt?
      • Gibt es etwas Besonderes, das Sie Ihrer Familie über sich mitteilen wollen?
      • Gibt es bestimmte Dinge, die Ihre Familie von Ihnen in Erinnerung behalten soll?
      • Was sind die wichtigsten Aufgabenbereiche, die Sie in Ihrem Leben eingenommen haben (Rollen in der Familie, im Beruf, im Sozialleben etc.)?
      • Warum waren Ihnen diese Aufgaben wichtig und was haben Sie Ihrer Meinung nach darin erreicht?
      • Was sind Ihre wichtigsten Leistungen, worauf sind Sie besonders stolz?
      • Gibt es etwas, von dem Sie merken, dass es gegenüber Ihren Lieben noch ausgesprochen werden will?
      • Oder etwas, das Sie gern noch einmal sagen möchten?
      • Was sind Ihre Hoffnungen und Wünsche für die Menschen, die Ihnen am Herzen liegen?
      • Was haben Sie über das Leben gelernt, das Sie gern an andere weitergeben möchten?
      • Welchen Rat oder welche Worte, die Ihre/n … (Tochter, Sohn, Ehemann, Ehefrau, Eltern, anderen Menschen) leiten können, würden Sie gerne weitergeben?
      • Gibt es konkrete Empfehlungen, die Sie Ihrer Familie mitgeben möchten, um sie für die Zukunft vorzubereiten?
      • Gibt es speziell für dieses Dokument noch etwas, das Sie hier mit aufnehmen wollen?

Es werden regelmäßig Workshops zur Würdezentrierten Therapie angeboten. Bitte informieren Sie sich unter Termine über die Anmeldemodalitäten. Für weitere Informationen schreiben Sie uns bitte über unser Kontaktformular.

Seit der ersten Studie haben Hunderte Patientinnen und Patienten in Kanada, den Vereinigten Staaten, Australien, China, Japan, Dänemark, Schweden und Deutschland an der Würdezentrierten Therapie teilgenommen. Der eindrucksvollste Beweis für die Wirksamkeit der Therapie sind die Worte derer, die sie erfahren haben.

Bemerkungen von Patientinnen und Patienten:

  • Im Interview war ich frei. Ich konnte erzählen, ohne dass über mich geurteilt wurde.
  • Die Würdezentrierte Therapie gibt mir die Gelegenheit, meinem Kind ein Geschenk zu hinterlassen, das persönlicher nicht sein könnte.
  • Mit diesem Dokument kann ich meine Liebe hinterlassen.

Bemerkungen von Familien und Freunden:

  • Es ist schön, im Dokument immer wieder seiner Redensweise und seinen Worte nachspüren zu können.
  • Das Dokument ist für uns wie ein Schatz – vor allem für die Kinder.
  • Wenn ich ganz unten bin, lese ich nach, wie sie an mich und daran glaubt, dass ich das schaffen werde – ohne sie.